Lebensglück

Vom Glück es zu finden

ACHTUNG – Es folgt ein sehr persönlicher Post! Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, ob und wie ich es schreiben soll. Viele Male hab ichs verworfen und viele Male ist es wieder aufgetaucht. Die Chance anderen damit zu helfen ist einfach größer als die Befürchtung, ich würde diese Geschichte missbrauchen oder sie könnte längst nicht so schlimm sein, wie die Schicksale anderer Menschen. (Ich habe wirklich sehr lange gehadert…)

Denn es sind bereits über anderthalb Jahre vergangen, seit ich weiß, dass ich da so eine kleine Panne in meinem Körper habe. Was mich also dazu bewegt, diesen Post über Glück zu schreiben, obwohl meine Geschichte erst einmal überhaupt nichts damit zu tun hat und dass sie am Ende doch einfach nur ins Glück hineinmünden kann, das liest du in diesem Post.

Was geschah

Das Jahr 2019 war für mich wirklich ein richtig herausforderndes Jahr. Dagegen ist 2020 fast ein Spaziergang auf Wolken. Und da wir beide wissen, dass auch 2020 nicht easy ist, kannst du dir vielleicht vorstellen, was im Jahr zuvor los war…

Ich habe meine Wohnung aufgegeben – meine Sicherheit, mein Zuhause – weil ich das Gefühl hatte, ich muss da raus. Viel zu lange war ich dort und in meinem Kopf bestand schon länger das Bild von mir mit nichts als einem Koffer in der Hand. Ich wollte mich trennen, trennen von Ballast, Schmerz, Frust und vielen weiteren Dingen. Weniger Dinge, mehr Leichtigkeit.

Außerdem habe ich meinen Coachingraum gekündigt. Ich wusste schon sehr bald, dass ich dort nicht wirklich glücklich bin, habe aber über ein Jahr gebraucht mich zu trauen, etwas Beschlossenes aufzulösen. Ja, ich hielt ziemlich lange an einer Vorstellung fest. Als Coach braucht man schließlich einen schönen Raum, mit zwei schönen Sesseln und hübschen Teegläsern. Hatte ich alles – war nicht erfüllend.

Zu diesen ganzen Unordnungen in meinem Leben kommt dann noch der ewige Struggle mit meinem Business hinzu. Alles Mögliche tun, damit das Geschäft einigermaßen läuft und ich einigermaßen Geld damit verdiene. Alle möglichen Nebenjobs annehmen, ausprobieren, sich einengen lassen, sich durchquetschen – weil sie einfach nur unangenehm waren – und mir damit nichts Gutes tun. Da war erst mal nichts, was mir großartig Freude bereitete. Auch das geliebte eigene Coachingbusiness verlor an Glanz, weil ich einfach nicht ordentlich auf die Füße kam. Es war also viel los…

Das Tüpfelchen auf dem i

Das alles war aber nicht ausreichend Challenge – war ja klar. Es kam wie es kommen musste. Die Energie längst am Boden, der Mut und die Zuversicht irgendwo vergraben, Ängste so groß wie Wolkenkratzer und das Maß an Selbstliebe so winzig wie Staubkorn. Aber ja, eine weitere Tonne Ballast geht noch. Was passierte?

Mir wurde bekannt (der monatelange Verlauf bis zur Diagnose war sehr unglücklich), dass ich Trägerin der BRCA1- und BRCA2-Mutation bin. Das bedeutet, dass ich ab sofort und bis zum Rest meines Lebens ein 80%iges Risiko habe, an Brustkrebs zu erkranken. Hinzu kommt eine 40%ige Wahrscheinlichkeit, an Eierstockkrebs zu erkranken. (Zum Vergleich: Das Risiko der Normalbevölkerung liegt bei ca. 12% für Brust und ca. 2% für Eierstock.)

Eine sehr ernüchternde Erkenntnis folgte: Ich könne nun bis zu meinem 40. Lebensjahr den Kinderwunsch erfüllen, danach die Eierstöcke entfernen lassen, mit vorsorglich die Brüste amputieren lassen. Ich kann aber auch nur zur vertieften Vorsorge (1 x im Jahr MRT zusätzlich!!!) gehen und aufmerksam sein. Zumindest bei der Brust. Für die Eierstöcke gibt es keine Früherkennung. Ich könne aber z. B. auch überhaupt nichts machen. Einfach weiterleben!

Wie lebt man glücklich?

Das ist nun die große Frage. Wie kann man nach diesem Einschnitt unbeschwert und glücklich weiterleben? Wie gelingt es, dass man sich nicht täglich die Fragen stellt: Will ich Kinder? Will ich das Risiko eingehen, den Gen-Deffekt weiterzugeben? Bekomme ich Kinder noch vor 40? Besteht Lebensglück darin, ein Kind zu bekommen? Will ich an mir herumschnippeln lassen? Will ich mir meine Weiblichkeit nehmen lassen? Will ich mit 40 von heute auf morgen in die Menopause? Was wenn ich alles entfernen lasse und dann doch Krebs bekomme? Was wäre wenn…

Fragen über Fragen und Vermutung über Vermutung die mich überhäufen und mich erst einmal begraben. Es ist die Kontrolle über das eigene Leben, die man verzweifelt versucht zu behalten – komme was wolle. Aber es ist das Leben selbst, das einem antwortet, dass Kontrolle nicht möglich sein wird.

Wenn ich es allerdings schaffe, Kontrolle abzugeben, wenn ich mich von all diesen Szenarien befreie, finde ich zurück in die Gegenwart.

Ich habe das Glück gefunden

In der Gegenwart ist alles wie gehabt. Normalität ist da und das Leben geht weiter. Die Welt dreht sich weiter und der Alltag überdeckt all diese Empfindungen.

Heute, hier, jetzt: Es war ein sehr anspruchsvolles Jahr, das Jahr 2019 und seither ist alles ein klein wenig anders. Anders heißt aber nicht, dass es schlechter ist, anders heißt eben, dass ich anders lebe, anders handle, anders denke.

Ich bin ein Mensch, der in jeder miesen Situation oder Phase etwas Positives findet. Auch in den unzähligen chaotischen, schweren, zermürbenden, aussichtslosen Momenten in 2019 entdecke ich viel Gutes, viel Positives, vieles, das mich lernen lässt und motiviert.

Denn genau dieses Jahr war das Jahr, das mich zum Glück führte. Ich hörte vor Kurzem ein Gedicht, von Dania König, in dem sie sagt, dass der dunkelste Moment, der Moment der Transformation ist. Und ja, all die dunklen Momente in 2019 führten mich durch die Transformation. Eine große Ladung Schwere wurde zu Glück. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

Ganz am Ende wartet nur noch das Glück auf mich. Die Tatsache, dass es mit meinem Leben viel schneller zu Ende sein kann, dass es eine viel schnellere Wendung nehmen kann, diese Tatsache war plötzlich ganz nah und greifbar. Ich bin unmittelbar davon betroffen und werde regelmäßig damit konfrontiert. Aber genau dadurch bin ich dem Glück viel näher gekommen. Genau deshalb lasse ich nun das Glück in mein Leben hinein.

Mein persönliches Glück

Mein Leben nimmt eine Wendung. Die Zeit wird kostbarer. Die Zeit wird präsenter. Dinge, die ich liebe, rücken näher heran. Ich nehme sie mehr denn je wahr und ich gebe ihnen mehr denn je Raum.

Ich will nicht warten bis ich womöglich schwer krank werde, um mich dem Thema Glück zu widmen. Ich will den Wink mit dem Zaunpfahl wahrnehmen und mich schon jetzt auf den Pfaden des Glücks bewegen.

Ich gehe hinaus in meine geliebte Natur, weil ich dort zuhause bin.
Ich ziehe los und erobere die Bergwelt, weil genau dort mein Herz zu leuchten beginnt.
Ich lege mich schlafen, wann immer mein Körper und mein Geist es verlangen.
Ich erhole mich, ich nehme mir Auszeiten – so viele ich will.
Ich lass meine Sorgen und Ängste an den Tagen zurück, an denen ich nicht die Kraft habe, mich um sie zu kümmern.
Ich nehme mir die Freiheit zu malen, zu nähen, herumzufahren, wann immer ich das Gefühl habe, meinen Alltag unterbrechen zu wollen.
Ich gebe mich den traurigen und schweren Tagen hin, ziehe mich zurück, zweifle, schimpfe und pflege emotionales Essen – weil mich auch das glücklich macht.
Immer wieder schaffe ich es auch zu genießen – das was mir schmeckt und gefällt.
Ich mache Ausflüge und nimm kulturelle Angebote war, weil ich so vielseitig interessiert bin.
Ich schaffe Akzeptanz – für mich selbst und meinen Körper.
Ich habe Nachsicht mit mir selbst.
Ich bin gut zu mir selbst.
…und immer mehr gelingt es mir, mich selbst zu lieben!

Glück – da ist dann einfach nur pures Glück!

Diese Gen-Geschichte hat mich dorthin geführt. Auch wenn ich mich von Berufswegen mit mentaler Stärke befasse, so hab ich selbst auch noch viele Lernthemen. Und so sehe ich das auch: Die Nachricht, dass ich Risikopatientin bin, hat mich so viel gelehrt:

Warum ich mache was ich mache.
Was es bedeutet, mental stark zu sein (Es war und ist die Feuertaufe meiner eigenen Arbeit!).
Was den Unterschied im Leben macht: Akzeptanz oder Widerstand.
Welche Menschen in meinem Leben Bestand haben.
Worauf ich meine Zukunft bauen will.

Diese – meine – Geschichte gibt mir so viel. Das Gute am Ende? Ich werde durch die Vorsorge Jahr für Jahr daran erinnert, worauf es mir ankommt und wie ich das Glück finden kann!

Was ist mit dir?

Und was ich auch will ist, dir Mut zu machen. Warte nicht, bis dich eine erschütternde Nachricht ereilt oder du Dinge erlebst, die dich aufwecken. Fange schon jetzt an, dein Glück zu suchen und zu finden. Lass es schon jetzt in dein Leben. Es muss nicht immer so weit kommen, dass Leid und Angst im Spiel sind. Du darfst glücklich sein – ohne Wenn und Aber. Du darfst das Glück wahrnehmen. Du darfst es dir zu eigen machen. Du darfst in dem Maße leben, wie es dich glücklich stimmt.

Setze deine Prioritäten rechtzeitig (anders). Höre auf dein Herz. Höre ihm zu. Fühle, wohin es dich führt. Lass keine Sekunde deines Lebens verstreichen. Erinnere dich schon jetzt und immer wieder aufs Neue daran, wie du dein Glück findest.

Es ist DEIN Lebensglück!

Warte nicht…

Von ganzem Herzen
Deine Anja